Amoklauf in Blacksburg PDF Print E-mail
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Written by Ivonne   
Tuesday, 17 April 2007 22:27

Natürlich haben inzwischen alle aus den Medien die Einzelheiten über den Amoklauf an der Virginia Tech erfahren, es wurde ja fast flächendeckend darüber berichtet.

Unsere privaten Eindrücke:

Georg hat bereits in dem Gebäude unterrichtet. Normalerweise liegt sein Büro direkt im Nebengebäude, aber wegen Umbaues ist sein Department für dieses Semester umgezogen. Ich habe keine Sekunde angenommen, dass er in Gefahr wäre, denn ich habe mich einfach geweigert zu glauben, dass uns das Schicksal zweimal in so kurzer Zeit treffen könnte. Er konnte mich auch kurz erreichen bevor die Telefone zusammenbrachen. Alexander war in der Schule unter "lock-down", das bedeutet, dass die Schulen geschlossen werden und von Sicherheitskräften geschützt. Man darf sein Kind nicht abholen, aber wir wurden durch e-mails informiert gehalten. Die Polizei forderte uns auf in den Häusern zu bleiben, allerdings erst, als ich mit den beiden Kleinen schon unterwegs zu Tristan's Sprachtherapie war. Die Situation auf der Straße war unheimlich. Autos rollten mit relativ hohen Geschwindigkeiten aus der Stadt raus, kein einziges rein. Man rief mich dann auf dem Handy an, um die Therapie abzusagen - die Polizei hatte die Bürogebäude aus Sicherheitsgründen geschlossen -  aber da ich schon da war, ließ man uns durch die Hintertür rein. Nach 30 min auf dem Heimweg befand ich mich mit den beiden Kleinen ganz alleine auf der Straße, nur ein paar Einsatzwägen mit Blaulicht rasten vorbei (was Tristan gleich in Begeisterungsstürme ausbrechen lies: "Auto! Auto! Licht! B(l)au!" und ich konnte Lautsprecher hören. Georg gelang es wieder mal kurz zu mir durchzudringen und mir immerhin Bescheid zu geben, dass der Täter sich angeblich noch am Campus befand. Zuhause schaltete ich gleich den Fernseher ein. Seit Beginn wurde auf mehren Sender live und ohne Unterbrechung berichtet. Zu diesem Zeitpunkt war die Todeszahl bereits auf 20 gestiegen. Ab diesem Zeitpunkt wird der Schock nicht mehr größer.

Georg kam nach zwei Stunden nach Hause, Alexander eine weitere Stunde später aus der Schule. Wir waren wie betäubt und ließen die Nachrichten laufen, während wir uns im Internet mit beiden Computern gleichzeitig neue Informationen holten. Daneben lief das Telefon heiß. Familie, Freunde aus den USA , Österreich und Deutschland, die erfahren hatten, was hier los ist. Allen konnten wir versichern: Uns gehts gut! Zumindest körperlich stimmte das.

Auch heute wurden wir pausenlos angerufen - von sämtlichen uns bekannten Medien in Österreich, sei es TV oder Zeitungen/Magazine. Unsere Adresse und Telefonnummer wurde von der Austria Presseagentur rausgegeben. Auf meine Frage warum ein Reporter sogar wusste wo ich aufgewachsen bin, meinte er nur, sowas wäre kein Problem, das könnte jeder von der Presse sofort rausfinden. Gut zu wissen. ;-)

Wir wurden heute ganz oft gefragt was das alles nun für uns bedeutet und ich kann sagen: Ein schreckliches Erlebnis mehr, auf das wir gerne verzichtet hätten. Einen weiteren Schreckschuss, bei dem die Gefahr zu Nahe an die Familie kommt. Wir fühlen uns hier deswegen nicht unsicherer als vorher oder unsicher überhaupt. Wenn so eine Blutstat in Blacksburg passieren kann, dann kann es überall geschehen. Graz, Wien, Villach, Hermagor.

Wie geht es uns:

Wir stehen immer noch unter Schock. Es ist uns allen nichts passiert, das ist das Wichtigste, aber was für ein furchtbarer Tag. Welch sinnlose Verluste von Leben, einfach abgebrochen. Ein paar Beispiele:

Ein Student stand einen Monat vor Abschluss seines Studiums in 3 Hauptfächern- in Österreich sind das 3 Studien. In allen hatte er einen perfekten 1 er Durchschnitt. Ein Student kam hierher aus Philadelphia, da er die Sicherheit einer Kleinstadt geniesen wollte. Zwei Studenten waren Abschlussredner ihrer Highschool, was bedeutet, dass sie die Besten ihrer Jahrgänge waren.

Ein paar Helden: Ein Professor stellte sich in die Tür um seinen Studenten die Möglichkeit zu geben aus dem Fenster zu flüchten: Der Attentäter schoss durch die Tür und tötete den Professor. Ein Student behielt die Nerven und verbarrikadierte die Tür mit Hilfe von anderen mit Tischen. Jeder im Raum überlebte. In einem anderen Raum konnten 3 Studenten nachdem der Amokläufer 2 Magazine in ihre Klassenkameraden geleert hatte die Kraft aufbringen, sich vor die Tür auf den Boden zu legen und diese mit ihren Füßen zuzustemmen, für den Fall, dass der Amokläufer zurückkäme. Er kam wirklich zurück und schoss durch die Tür, als er sie nicht öffnen konnte. Die Studenten, die am Boden lagen, wurden nicht getroffen.

Soviele Schicksale wurden durch einen verzweifelten Menschen berührt, soviele zerstört. Blacksburg zeigt heute Solidarität. Wir kleiden uns alle in maroon, die Universitätsfarbe, wir zünden Kerzen an, wir haben unsere Flaggen auf Halbmast.

Zu heilen beginnen wir erst morgen.

 

 

Last Updated on Friday, 18 May 2007 21:13
 
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